Die Spielwiese der biomorphen Architektur
Die biomorphe Architektur kann als Unterkategorie der organischen Architektur betrachtet werden. Sie orientiert sich ebenso den in der Natur sichtbaren Formen, wobei die Aspekte des gesunden Wohnens und der ökologischen Bauweise eher sekundär sind, hauptsächlich die Formensprache und das Design stehen im Vordergrund.
“Architektonische Objekte” von Hernan Diaz Alonso
Glen Howard Small ist vielleicht nicht der Vater der biomorphen Bauidee, aber sicher einer der ältesten Vertreter dieser Ästhetik. Wer heute also kritisiert, biomorphes Bauen sähe aus wie Hans Rudi Gigers Alien-Designs, muß realisieren, daß der Exzentriker Small vor Giger, also bereits in den Sechzigern einen Stil entwickelt hat, der an Knochenstrukturen, Gewebe, fließende biologische Formen gemahnt und gegen den Frank O. Gehry heute wirkt wie ein braver Schuljunge. Geprägt von der futuristischen zukunftsverliebten Psychedelik-Ästhetik der frühen 70er Jahre, entwickelt Small vor allen in seinen frühesten Arbeiten die Vision einer Architektur, die sich von den bisherigen Vorstellungen des Bauens noch drastischer verabschiedet als jeder andere Architekt es bisher vor ihm tat, kehrt den Blick konsequent auf die Art und Weise, in der die Natur Strukturen entwickelt, und nutzt diese evolutionären Ergebnisse als Vorbild. Reste dieser biokybernetischen Idee von Small, der später auch Professor am SCI-Arc (Southern California Institute of Architecture) war, finden sich als Spurenelemente bei vielen Architekten. Die biomorphen Konstruktionen haben etwas abstoßend Allzumenschliches an sich, die Vorstellung in einem solchen Hochhaus zu wohnen, wie ein mikrobischer Parasit in einer größeren seltsam unirdischen Lebensform zu hausen, stößt zunächst ab.
Und doch: Die Idee, sich von evolutionsgeschichtlich bewährten Konstruktionsformen inspirieren zu lassen, macht Sinn. Nicht nur mit Blick auf Erdbeben und flxiblere/stabilere Bauweisen. Wir sind erstmals in der Lage, mit Hilfe von Maya & Co, mit Hilfe neuer fluider Leichtbaustoffe, neuer Glas- und Betonarten (die ohnehin nur eine Vorstufe komplett neuer plastikbasierter Baustoffe sein werden, die wiederum der Nanotechnologie weichen werden) Gebäude zu skizzieren, die sich eben nicht mehr an Stein und Mörtel, Glas und Holz halten müssen, an die geraden Strukturen, an den rechten Winkel. Computergenerierte Häuser folgen der Logik der Bézierkurve, nicht der Logik des Geodreiecks, sie entstehen im dreidimensionalen Feld, nicht mehr auf dem zweidimensionalen Papier. Auch Verfechter alter Architektur, die noch Leben und Größe und Authentizität hat, können nicht nicht abstreiten, daß die These Form Follows Technology geradezu zwangsläufig bedingt, daß neue Häuser sich der Ästhetik von 3D-Softwares anpassen werden, anpassen MÜSSEN. Design ist die Geschichte der Werkzeuge. Die gesamte Schriftentwicklung ist bis heute eine Geschichte der Tools, analog verhält sich die Architektur. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Fliessende, weiche, fluide Formen werden mehr und mehr emergieren, die sich wie Stoffe, wie Haut, wie getrocknete Flüssigkeiten in die Städte schmiegen. Nicht, weil sie neu sind und provokativ, sondern einfach, weil sie möglich sind und schon immer in uns geschlummert haben. Erstmals, zumindest ansatzweise, sind wir in der Lage, weiche Formen zu bauen, die dem entsprechen, was wir selbst als anthropolgisch vertraut empfinden. Auch, wenn wir sie im baulichen Kontext zunächst als fremd empfinden. Das aber ist eine reine Gewohnheitssache. Und Gewohnheiten ändern sich.

(Günther Domenigs Mensa der Schuleschwestern)
Aber zurück zum Thema: Man sieht, die weiche Formensprache der Biokybernetik, die die idealen Spannungsfelder runder Formen bevorzugt, hat sich durchgesetzt, obwohl sie vor ein zwei Dekaden noch die Außenseiterrolle hatte.
Biomorphes Bauen ist also der legitime Erbe der einstigen Avantgarde, die (wie es so üblich ist) den Mainstream von heute stellt. Die logische Konsequenz ist, daß die heutige Avantgarde den Mainstream von Morgen bilden wird. Biomorphe Architektur hat also gute Chancen, morgen bereits Alltag zu sein. Sie wird von mutigen jungen Architekten über Wettbewerbe in die Normalität begleitet werden.
Hier greift die These, daß die populäre Science Fiction von heute mit verblüffend hoher Trefferquote die Welt von morgen hervorsagt, daß die Welt sich oft sogar entlang von und inspiriert durch SF überhaupt erst orientiert und selbst erfindet. Die Ideen, die Konzepte, die groben Vorstellungslinien, von SF-Autoren tropfen sozusagen medial-kulturell in die Köpfe von Militärs und Konzernen und somit natürlich auch in die Labors, wo sie dann umgesetzt werden, um via Marketing Teil der Alltagskultur zu werden. Wer Neal Stephensons Snowcrash gelesen hat und dann das Matrix Online-Rollenspiel sieht, weiß woher der Wind weht. Genetik, Nanotechnologie, Elektronik… all diese Bereiche sind beflügelt von den utopischen Wunschträumen, die die Wissenschaftler als Kinder gelesen und erlebt haben.
Wenn also in aktueller SF beispielsweise die Rede von nanotechnologischen, lebenden Häusern ist, die sich – basierend auf einer Programmierung, der tatsächlichen Leistung der Architekten von Morgen – faktisch selbst bauen, selbst umerfinden, selbst neustrukturieren und entsprechend der urbanen Bedürfnisse komplett neu wachsen, so fügt sich dies nahtlos mit den Entwürfen vom SCI Arc zusammen, die dieser Idee einer autonom wachsenden bioskalaren organischen Architektur, ästhetisch ja bereits entgegenkommt. Sind die Häuser von morgen nicht mehr Wohnmaschinen, sondern vielmehr Wohnorganismen? Die sich selbst reparieren nach einem Schaden? Die auf ein Erdbeben intelligent reagieren? Die das Innenklima wirklich intelligent autonom steuern können? Deren denkende Sicherheitssysteme Schlüssel so überflüssig machen wie Einbrüche unmöglich? Die ökologisch auf minimal waste angelegt sind und aus den Abfällen der Bewohner Baustoffe für die Nanobots recyclen? Die Schadstoffe aus der Atemluft filtern? Die entsprechend der Nutzung wachsen oder schrumpfen? Die einen Lebenszyklus haben, um dann zu sterben? Die sich vielleicht fortpflanzen?
Das klingt fast bedrohlich. Lebende, denkende Häuser. So bedrohlich wie einst die Roboter klangen, die heute Teil des alltäglichen Lebens sind und in den Fabriken ihren Dienst tun. Die biomoprhe Bewegung wird hier zunächst die Ästhetik vorwegnehmen und ich denke, wir werden zusehen können, wie dieser Look (wie immer leicht abgemildert) in den Mainstream gelangen wird. Haiflossenstrukturen, Knochenbauformen, fließende, gewebeartige Materialflairs. Transluzente Membranen und organische Blobgebäude, die durch neue LED-Technologien wie seltsame Unterwasserwesen erleuchtet sein werden, um nach und nach wie fremdartige Fische in unsere Großstädte zu schwimmen. Man schaue sich Fahrzeugstudien an oder neue Consumer Products… es ist schon längst da. Die Revolution des Rundgelutschten, Windkanalgeprüften ist nur eine Vorstufe gewesen. Alles wird weich und menschlich, anschmiegsam und sympathisch werden, schließlich auch nicht biomorph bleiben, sondern metamorph werden, Formen finden, die jenseits der menschlichen Erfahrungshorizonte liegen, die komplett neu und virtuell sind, die Architektur aus dem Kontext bisheriger Vorstellungen lösen können.
In zehn, zwanzig Jahren, ist das also der neue Mainstream, der sich nahtlos zusammenfügt mit der elektronschen Vernetzung «intelligenter» Häuser, in denen via WiFi die elektronischen Geräte zusammengeschaltet sind, in denen der Mensch eine Art Schaltmoment seiner Lebensumgebung wird. Da ist der Sprung vom simulierten Leben einer Wohnung zum echten Leben nur noch ein Detail.
Natürlich wird dann eine ganz neue Avantgarde vielleicht kantige, eckige, kalte Strukturen fordern. Oder ein Leben in virtuellen Realitäten. Abwarten.
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Schlagworte: Avantgarde, biomorph, Design, Forschung, metamorph, organisch, unkonventionell
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