Daniel Grataloup: Der Künstler unter den Architekten
Die erste Realisierung einer Villa 1969 in Anières bei Genf nach dem von Daniel Grataloup weiterentwickelten und 1967/68 international patentierten Bauprinzip in Spritzbetontechnik wird von der Baubehörde zunächst untersagt. Im gleichen Jahr erhält Grataloup zusammen mit André Gaillard den ehemals von Le Corbusier abgelehnten Auftrag zum Bau der protestantischen Kirche Saint-Jean in La Chaux-de-Fonds
und für die Villa in Anières.
Beide Gebäude, bis 1971 und 1972 dank des Bekanntheitsgrades der Auftraggeber ausgeführt, machen den Architekten schlagartig bekannt. Die Bauten bestehen aus frei- und selbsttragenden, doppeltgeschichteten Metallgitterstrukturn, individuell nach den spezifischen Bedürfnissen des Bauherrn auf der Baustelle auf dem natürlichen Fels oder einer Betonplatte modelliert (Architekturskulptur).
Diese Architekturskulptur ist das Ergebnis einer differenzierten Analyse unter Berücksichtigung von Bäumen und Unebenheiten des Untergrundes. Das Haus soll sich dem Gelände anpassen, nicht umgekehrt.
Nach der Definition aller Raumflächen durch Begehung wird die Raumhöhe nach der Bewegungsfreiheit des Menschen mit ausgestreckten Armen bemessen. Der Bewegungsablauf in den einzelnen Zimmern wird in Modellen getestet. Dadurch erhalten alle Gebäudeteile automatisch ovoide Gestalt, Ecken sind unpraktisch und überflüssig. Wand und Dach werden zu einer Schale, die Außengestalt ermöglicht nebenbei die Nutzung des ablaufenden Regenwassers in Teichen. Daneben geht es Grataloup um die Anpassung der Räumlichkeiten an die Bedürfnisse und Lichtverhältnisse bei Tag und Nacht. Dabei spielen Patio-Formen, Schwimmbäder und die Natur eine wichtige Rolle.
Die Möbel, besonders im Schlaf- und Badezimmer, werden oft zum festen Bestandteil der Architektur und zeitgleich errichtet. Eingesparte Baukosten sollen für die künstlerische Innenausstattung genutzt werden (Wohnskulptur). Grataloups Architektur will nicht allein technologisch verstanden werden, sondern Ästhetik und menschliche Bedürfnisse berücksichtigen. Theoretisch ist dieses Architekturkonzept auf alle Bautypen und -größen übertragbar; es wird jedoch alsbald trotz der unendlich vielen Ausdrucksmöglichkeiten – jede gerundete Form ist individuell – aus Furcht vor Beliebigkeit und Wiederholung kritisiert. Daher muß Grataloup bei seinen folgenden Bauten mit starken Widerständen der Bauaufsicht kämpfen, die in der Schweiz erst 1976, nach öffentlichen und juristischen Debatten um Ästhetik und Bauvorschriften, enden.
Auch in Frankreich wären mit den 16 zu erstellenden Wohnungen in Douvaine/Haute-Savoie die ersten Bauten im sozialen Wohnungsbau ohne rechten Winkel entstanden. Nachdem die Commission Dép. d’urbanisme die Baugenehmigung für den Bauträger erteilt hatte, zieht sich dieser nach einigem Zögern aus der Finanzierung zurück. Als Begründung werden die Ästhetik einer elitären Gesellschaftsschicht und die damit vermuteten Mehrkosten genannt, obwohl die Gesamtkosten um ein Drittel unter der Normalfinanzierung angesetzt waren.
Schon ab 1969/70 erweitert Grataloup seine Wohnideen auf ganze Stadtstrukturen mit Wohntürmen und vorgefertigten gegossenen Wohneinheiten (Maisons thermoplastiques), die er 1974-76 in vielbeachteten Ausstellung (105000 Besucher in Lyon) mit dem weltweit größten Modell präsentiert (Modellstadt für 15000 Einwohner, bestehend aus 45000 Teilen auf 100 m²) und die ihm die Eintragung ins Guinness-Buch der Rekorde einbringt. Es besteht aus Hochhäusern, an deren Beton-»Baumstämmen« die individuellen Wohnungen wie Kapseln andocken und nur an die zentralen Versorgungsleitungen und Fahrstuhlschächte angeschlossen werden müssen. Bei Bedürfniswandel können die einzelnen Wohnungen per Krahn oder Hubschrauber ausgetauscht werden. Dies hätte, dem Autosektor entsprechend, einen Gebrauchtwohnungsmarkt zur Folge. Auch sollen sich die Kosten an diejenigen eines Autos angleichen. Parkplätze und Einkaufsstrukturen befinden sich im »Wurzelwerk des Hausbaumes«. 1996 entwirft Grataloup modernisierte Varianten der Kapselwohnungen. Ab 1969/70 entwickelt er daneben schwimmende Häuser aus Beton. Er sieht schwimmende Städte mit wandlungsfähiger Gesamtstruktur und totaler Mobilität.
Ab 1978 realisiert er zunehmend Inneneinrichtungen in Form von Wohn-Skulpturen, bei denen das gesamte Appartement in die skulpturale Gestaltung einbezogen wird. Einen Schwerpunkt legt er dabei auf organische Stuckwandstrukturen mit integrierten Möbeln und die Oberflächengestaltung von Türen und Schränken aus künstlerisch gestalteten Unikaten mit Metallbeschichtung (Kupfer, Blei, Bronze), Lack oder Assemblage-Technik aus wiederverwendeten Material (Email, Holz).
Daneben widmet er sich verstärkt der Malerei und setzt seine frühen abstrahierenden Farbgraphikserien fort.
Seit 1995 engagiert sich Grataloup mit mehreren Architekturprojekten in Algerien. Hier entsteht ab 2007 an der Küste in Bouzedjar (Provinz Oran) eine Ferienresidenz. Grataloups Werk ist inspriert von Antonio Gaudi, der Betonarchitektur von Eero Saarinen und den bewohnbaren Skulpturen von André Bloc (Habitacles, noch aus Backstein, 1963). Die Suche nach einer originären und organischen Bauweise manifestiert sich auch im Rückgriff auf die wiederentdeckte frühe Höhlenarchitektur (Sizilien, Kappadokien, China, Arizona; präsentiert in der Ausstellung Architecture without architects der MOMA, New York 1964/65). Das Ergebnis sind funktionelle, organische Großskulpturen (Interieurs-sculpture oder Maisons-sculpture).
Nebenbei 1977-94 Dozent für Architektur und Architekturgeschichte an der École Normale supérieure in Paris und ab 1986 auch Professor für Bildende Künste an der École Ing. Genève. 2001 erhält er an der Pariser Sorbonne den Doktortitel für sein Gesamtwerk mit dem Titel »Architecture-sculpt., Théorie, Projects et Réalisations«. 2003 Officier des Arts et Lettres. Mitglied der Societé des Ing. et Architectes suisses.


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