Der Leonardo da Vinci des 20. Jahrhunderts

Richard Buckminster Fuller (1895–1983) hat mehr Anleitungen zu der sich ändernden Umwelt hinterlassen als jeder andere große Wegbereiter der modernen Architektur. Der Entwurf geodätischer Kuppeln machte ihn berühmt – vor allem sein Ausstellungspavillon für die USA zur Expo 1967 setzte Zeichen. Dabei war Buckminster Fuller nicht nur Architekt, sondern auch Ingenieur, Designer, Zukunftsforscher, Schriftsteller und sogar Schauspieler – ein umfassender Denker, der sich mit den Problemen des Alltags auseinandersetzte und nach Lösungen suchte.

Als einer der ersten hat Fuller das Wirken der Natur als durchgängiges systemisches Wirken unter ökonomischen Prinzipien (Material- und Energie-Effizienz) gesehen. Seine Theorien und Überlegungen bezogen sich unter anderem auf neue Wohnformen, Kraftfahrzeugbau und Kartografie. In seiner Arbeitsweise war Buckminster Fuller Vorreiter für die heutigen CAD-Bauten oder der «Hightech-Architektur». Nicht nur dass er mit der Nutzung von Vorfertigungen, flexiblen Systemen und Synergien konzeptionell in die gleiche Richtung gearbeitet hatte, sondern er nahm auch ganz konkret schon Mitte der 60er beim Bau des Expo-Pavillons in Montreal den Computer zur Hilfe, um seine komplexe Konstruktion zu berechnen.

Fuller verstand sich selbst als «anticipatory design scientist». Während Architekten wie Philip Johnson den Autodidakten herablassend als Erfinder, Guru oder Poeten bezeichneten und ihn nicht als Mitglied ihrer Zunft akzeptierten, stieß sein interdisziplinärer Ansatz bei Künstlern auf starkes Interesse. Während die Dymaxion-Projekte kaum über das Prototypenstadium hinauskamen, wurden die Kuppeln zu Fullers erfolgreichster Erfindung.

Perfekt verkörperten die aus einem filigranen Netz aus Dreiecken zusammengefügten Gebilde seine pragmatische Devise «Doing more with less»: Die gestellte Aufgabe sollte möglichst ressourcenschonend gelöst werden. Es galt, mit minimalem Energie- und Materialaufwand maximale Effizienz zu erzielen.

Bereits in den 1950ern prägte Fuller den Begriff «spaceship earth» – als Metapher für eine globale Sicht auf das ökologische System unseres Planeten. Sein populäres Buch «Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde» (1969) ließ ihn zum Guru der beginnenden Öko-Bewegung werden, er galt als einer der ersten Propagandisten der Nachhaltigkeit. Fuller glaubte fest daran, dass wir die Möglichkeit besitzen, selbst unlösbar scheinende Probleme zu bewältigen, eben durch visionäres, experimentell orientiertes Denken, aus dem technologischer Fortschritt resultiert. Das macht seine pragmatischen Utopien gerade jetzt so wichtig – nicht nur für Künstler.

Und auch die aktuelle Architektur ist heute noch von Fullers eleganten Geometrien, die zukunftsweisenden Konstruktionsprinzipien sowie sein ganzheitliches Denken geprägt: Allem voran sind hier zum Beispiel Norman Fosters aufgrund seines Netzes aus dreieckigen Fenstern an einen gigantischen Tannenzapfen erinnernder Turm in der Londoner City oder Santiago Calatravas Kuppelbau «L’Hemisfèric» für ein Science Center in Valencia.

Die im Marta Herford präsentierte Zusammenstellung seiner wichtigsten Projekte aus ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern basierte auf der Präsentation des Werkes von Richard Buckminster Fuller in zehn Kapiteln, wie sie 2010 von Lord Norman Foster für die Ivorypress-Galerie in Madrid erarbeitet wurde:

1) 4D Thinking – Light Works for the Planet
2) The Dymaxion Experiment – From House to Shelter
3) Streamlined Transport – The Dymaxion Car
4) Dymaxion Deployments – Bathroom, DDU and Wichita House
5) Geometrical Explorations – From the Sphere to the Globe
6) The Notion of Tensegrity – Structures and Sculptures
7) A Geodesic Revolution – Domes for the World
8) Utopian Proposals – Cities in Spaceship Earth
9) Projects with Foster – A Visionary Realism
10) ‚Whole Earth‘ Fuller – An Alternative Hero

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One response to “Der Leonardo da Vinci des 20. Jahrhunderts”

  1. Michael Stiegler says :

    Herzlichen Dank für diesen Newsletter!

    Buckminster Fuller ist für mich auch ein wichtiger Wegbereiter!
    Sich auf die Lösung zu konzentrieren, Synergien und natürlich „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“, seine ganze kreaktive Schöpferkraft etc. sind für mich elementar!

    Herzliche Grüße

    Michael Stiegler

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