„Struktur ist Architektur“ – Cecil Balmond

Während Jahrhunderten bestimmte der rechte Winkel das Erscheinungsbild der Architektur. Doch spätestens seit Gaudí und Erich Mendelsohn gewannen organische Formen an Bedeutung. Nun eröffnen kreative Ingenieure mit nicht euklidischen Geometrien der Baukunst neue Möglichkeiten. Ihr Leitstern ist der 1943 in Sri Lanka geborene Cecil Balmond.

Trotz den Fähigkeiten des Computers stösst selbst das Formenrepertoire der schöpferischsten Architekten irgendwann an Grenzen, wie die Meisterwerke von Gehry, Zaha Hadid oder Santiago Calatrava zeigen. Während jedoch Calatrava, der als Ingenieur und Architekt gleichermassen über Statik und Ästhetik seiner Werke gebietet, sich in Sachen Formfindung im Kreise dreht, suchte Daniel Libeskind schon 1996, als er an der Erweiterung des Victoria and Albert Museum (V&A) in London arbeitete, die Inspiration des ingenieurwissenschaftlichen Querdenkers Cecil Balmond.

1943 in Colombo auf Sri Lanka geboren, wanderte Balmond 1961 nach Nigeria aus, wo er Mathematik studierte. Anschliessend vertiefte er sich im englischen Southampton ins Bauingenieurwesen, leitete aber auch einen Folk-Klub und trat selbst als Musiker auf. Nach der für ihn entscheidenden Aufnahme ins Büro Arup arbeitete der schnell als Tüftler, Erfinder und Künstler bewunderte Ingenieur mit Grössen wie Denys Lasdun und James Stirling zusammen, um schliesslich zum unkonventionellen Mitdenker von Rem Koolhaas zu werden.

Durch seine eigene Vorgehensweisen unterscheidet sich die Recherche von Balmond, der den Computer immer wieder mit phantastischen, einer ganzheitlichen Weltsicht entstammenden Ideen herausfordert, von jener der meisten Ingenieure und Architekten. Um sich von naheliegenden Bildern und Lösungswegen zu befreien, greift er etwa zurück auf mittelalterliche Zahlenmystik, pflanzliche Strukturen oder nicht euklidische Geometrien.

Die aus dem V&A-Projekt hervorgegangenen Erkenntnisse flossen ein in den Entwurf des Sommerpavillons der Londoner Serpentine Gallery, den Balmond 2001 mit Libeskind realisierte. Seither war er bei den meisten dieser innovativen Temporärbauten mitbeteiligt: 2005 fand er zusammen mit den Portugiesen Alvaro Siza und Eduardo Souto de Moura eine dynamisch ausbalancierte Antwort auf die kurvig kassettierten Deckengewölbe Pier Luigi Nervis, und im vergangenen Jahr schufen Balmond und Koolhaas ein atmendes, ballonartiges Pavillondach.

Das Opernhaus von Taichung auf Taiwan, das er mit Toyo Ito vollenden will, könnte ein wegweisender Bau werden. Hier wandelt sich das algorithmische Linienmuster zu einem wogenden kettenförmigen Gewebe, dessen netzartige Strukturen erst seit kurzem im Computer berechnet und nun sogar im Hochhausbau angewandt werden können.

In den letzten Jahren führte Balmond viele weitere Projekte mit namhaften Architekten und Künstlern wie u.a. Shigeru Ban und Anish Kapoor aus, viele weltweit beachtete Bauwerke tragen seine Handschrift. Der mehrfach mit wichtigen Preisen geehrte Architekt, Künstler, Designer, Forscher, und Schriftsteller wird von vielen Seiten als der weltweit beste Architekt der heutigen Zeit gehandelt.

Sein Credo lautet:

Struktur ist Architektur

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