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Guy Rottier, der Tausendsassa

Guy Rottier gilt als Querkopf der französischen Architektenszene. Für ihn galt es in der Architektur wenn immer möglich die Grenzen des Vorstellbaren und Machbaren zu sprengen. So arbeitete er mehrmals mit Le Corbusier (Zitat: „Von ihm habe ich alles gelernt“) zusammen und entwickelte diverse Modelle und Pläne, die heute als Kunstwerke gelten. Dazu gehören Skizzen für Behausungen in Röhren, Köpfen, „Busbäumen“, Schnecken, usw.
Rottier war in den 60er Jahren Teil der Gruppe der Auto-Constructeurs, zu denen Pascal Haüsermann, Antti Lovag, Jean-Louis Chanéac, Jean Benjamin Maneval, Joël Unal, Daniel Grataloup und andere gezählt werden.

MANIFEST von Guy Rottier

Die Architektur wurde erfunden wie ein Auto oder ein Flugzeug erfunden wurde. Sie kennt keine Grenzen und kann wie jede andere Kreation hinausgetragen werden. Kein Ort determiniert eine fixe Architektur. Architektur ist grundsätzlich Privatsache und nicht von öffentlichem Interesse, höchstens es handelt sich um öffentliche Gebäude oder Monumente.

Architektur ist die Synthese aller Künste, weshalb sie frei bleiben und sich nur technischen, Sicherheits-, Hygiene- und Raumplanungsaspekten unterordnen sollte.

Die Menschen urteilen verschieden. In der Nostalgie eingefroren und verrückt nach Traditionen verfolgen sie unnötige Reglementierungen, die eine Evolution verunmöglichen. Das Haus wäre die Zelle jeder Gesellschaft, das einzige Feld, wo wir uns wirklich entwickeln sollten. Doch speziell in Frankreich ist dies praktisch unmöglich aufgrund der Oberflächlichkeit der Bewohner und Architekten.

Zu seinen wichtigsten Projekten gehört die Schule von Nizza, La maison d’Arman, diverse Erdhäuser, die Entwicklung von ökologischen Fasern, eine solarbetriebene Kaffeerösterei, uvm.
18 Jahre lang hatte er eine Professor in Marokko und Syrien, bis er sich in ein kleines Dorf in Südfrankreich zurückzog.

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Schwimmende und fliegende Städte

Paul Maymont (1926 – 2007) war ein französischer Avantgarde-Architekt und befasste sich in erster Linie mit urbanen Utopien. Er verfolgte das Ziel, die Städte in die Natur zu integrieren, oft indem er die Häuser fliegen oder schwimmen liess, unterirdisch plante oder Berge als natürlicher Baugrund nutzte.

Er selbst war 1965 Gründungsmitglied des Groupe International d’Architecture Prospective (GIAP), zusammen mit Nicolas Schöffer, Michel Ragon, Yona Friedman, Georges Patrix, Walter Jonas und Ionel Schein.

UFO’s der 60er-Jahre

Futuro oder Futuro House, ist ein rundes, vorfabriziertes Haus, entworfen von Matti Suuronen und entwickelt von Yrjö Ronkka.

Etwa 100 Stück davon wurden Ende der 60er bis Anfang der 70er-Jahre produziert. Die unvergleichliche UFO-Form zog das Interesse vieler Sammler auf sich, so zählt das Futuro-Haus zu den bekanntestesten europäischen Bauwerke dieser Zeit.

Es besteht aus Polyester und Fiberglas, die Höhe beträgt 3, die Breite 8 Meter. Das Werk reflektiert den Geist des Nachkriegs-Finnland: Der Glaube an die Technologie, die Besiedelung des Raumes, Wirtschaftswachstum und damit die Zunahme der Freizeitaktivitäten.

Suuronen verfolgte das Ziel, ein Gebäude zu bauen, das „schnell heizbar und einfach auf rohem Terrain zu bauen ist“. Das Resultat war ein universell transportierbares Ei, das in der Masse produzierbar war.

Dank der Isoilotation aus Polyurethan und einem elektrische Heizsystem konnte das Haus in nur 30 Minuten von -28 auf 16 °C geheizt werden. Um den Transport zu vereinfachen bestand das Gebäude aus 16 Teilen, die nach dem Helikoptertransport in nur gerade zwei Tagen mit einander verbunden waren.

Ein Beitrag von Architecture D’Aujourd’Hui aus den 70er-Jahren beschreibt „Futuro“ wie folgt:“

the first model in a series of holiday homes to be licensed in 50 countries, already mass-produced in the United States, Australia and Belgium. The segments of the elliptic envelope are assembled on the site using a metal footing. Through its shape and materials used, the house can be erected in very cold mountains or even by the sea. The area is 50 sq m, the volume 140 cubic m, divided by adaptable partitions.

By the mid 1970s the house was taken off the market, arguably due to poor marketing, but primarily due to the Oil Crisis where tripled gasoline prices made manufacture of plastic extremely expensive. It is estimated that today around 50 of the original Futuro homes survive, owned mostly by private individuals. The prototype is in the collection of Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, The Netherlands.

Bei einem weiteren, sehr bekannten, von Matti Suuronen entworfenen Modell, handelt es sich um das Konzept „Venturo“, ebenfalls bestehend aus Fiberglas.

Monsieur Plastique

1948 bis 1955 führte Ionel Schein ein Büro, zusammen mit seinem Pariser Kollegen Claude Parent. Ionel Schein wurde 1956 mit der Entwurf Maison en plastique international bekannt. Der schneckenhausförmige Bau vereinte biomorphe Strukturen und (damals) modernste Baumaterialien, vornehmlich aus Plastik.

1965 gründete Ionel Schein zusammen mit Yona Friedman, Paul Maymont, Georges Patrix, Michel Ragon, Nicolas Schöffer und später Walter Jonas die Groupe International d’Architecture Prospective (GIAP)

Internationale Beachtung fand das 1984 durchgeführte Internationales Architektur Symposium Mensch und Raum an der TU Wien, an dem beispielsweise Bruno Zevi, Dennis Sharp, Pierre Vago, Jorge Glusberg, Otto Kapfinger, Frei Otto, Paolo Soleri, Ernst Gisel, Justus Dahinden u.a. teilnahmen.

Ionel Schein war engagiertes Mitglied des Cercle d’Ètudes Architecturales (CEA) in Paris, dass sich an den Ideen von Le Corbusier und des Bauhauses anlehnte. Ionel Schein ist es zu verdanken, dass er den Philosophen Michel Foucault als Gast in das CEA einlud und somit die Heterotopie in Architektenkreisen einführte; die Foucaultschen Diskussionen wirkten bis in die Internationale Bauausstellung 1984 in Berlin.

Ionel Schein publizierte zahlreiche Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften. In der Ausstellung New Experiments in Architecture, Art and the City, 1950-2005 wurden postum Werke von Ionel Schein präsentiert.

Quelle: Wikipedia

Die Spielwiese der biomorphen Architektur

Die biomorphe Architektur kann als Unterkategorie der organischen Architektur betrachtet werden. Sie orientiert sich ebenso den in der Natur sichtbaren Formen, wobei die Aspekte des gesunden Wohnens und der ökologischen Bauweise eher sekundär sind, hauptsächlich die Formensprache und das Design stehen im Vordergrund.

„Architektonische Objekte“ von Hernan Diaz Alonso

Glen Howard Small ist vielleicht nicht der Vater der biomorphen Bauidee, aber sicher einer der ältesten Vertreter dieser Ästhetik. Wer heute also kritisiert, biomorphes Bauen sähe aus wie Hans Rudi Gigers Alien-Designs, muß realisieren, daß der Exzentriker Small vor Giger, also bereits in den Sechzigern einen Stil entwickelt hat, der an Knochenstrukturen, Gewebe, fließende biologische Formen gemahnt und gegen den Frank O. Gehry heute wirkt wie ein braver Schuljunge. Geprägt von der futuristischen zukunftsverliebten Psychedelik-Ästhetik der frühen 70er Jahre, entwickelt Small vor allen in seinen frühesten Arbeiten die Vision einer Architektur, die sich von den bisherigen Vorstellungen des Bauens noch drastischer verabschiedet als jeder andere Architekt es bisher vor ihm tat, kehrt den Blick konsequent auf die Art und Weise, in der die Natur Strukturen entwickelt, und nutzt diese evolutionären Ergebnisse als Vorbild. Reste dieser biokybernetischen Idee von Small, der später auch Professor am SCI-Arc (Southern California Institute of Architecture) war, finden sich als Spurenelemente bei vielen Architekten. Die biomorphen Konstruktionen haben etwas abstoßend Allzumenschliches an sich, die Vorstellung in einem solchen Hochhaus zu wohnen, wie ein mikrobischer Parasit in einer größeren seltsam unirdischen Lebensform zu hausen, stößt zunächst ab.

Und doch: Die Idee, sich von evolutionsgeschichtlich bewährten Konstruktionsformen inspirieren zu lassen, macht Sinn. Nicht nur mit Blick auf Erdbeben und flxiblere/stabilere Bauweisen. Wir sind erstmals in der Lage, mit Hilfe von Maya & Co, mit Hilfe neuer fluider Leichtbaustoffe, neuer Glas- und Betonarten (die ohnehin nur eine Vorstufe komplett neuer plastikbasierter Baustoffe sein werden, die wiederum der Nanotechnologie weichen werden) Gebäude zu skizzieren, die sich eben nicht mehr an Stein und Mörtel, Glas und Holz halten müssen, an die geraden Strukturen, an den rechten Winkel. Computergenerierte Häuser folgen der Logik der Bézierkurve, nicht der Logik des Geodreiecks, sie entstehen im dreidimensionalen Feld, nicht mehr auf dem zweidimensionalen Papier. Auch Verfechter alter Architektur, die noch Leben und Größe und Authentizität hat, können nicht nicht abstreiten, daß die These Form Follows Technology geradezu zwangsläufig bedingt, daß neue Häuser sich der Ästhetik von 3D-Softwares anpassen werden, anpassen MÜSSEN. Design ist die Geschichte der Werkzeuge. Die gesamte Schriftentwicklung ist bis heute eine Geschichte der Tools, analog verhält sich die Architektur. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Fliessende, weiche, fluide Formen werden mehr und mehr emergieren, die sich wie Stoffe, wie Haut, wie getrocknete Flüssigkeiten in die Städte schmiegen. Nicht, weil sie neu sind und provokativ, sondern einfach, weil sie möglich sind und schon immer in uns geschlummert haben. Erstmals, zumindest ansatzweise, sind wir in der Lage, weiche Formen zu bauen, die dem entsprechen, was wir selbst als anthropolgisch vertraut empfinden. Auch, wenn wir sie im baulichen Kontext zunächst als fremd empfinden. Das aber ist eine reine Gewohnheitssache. Und Gewohnheiten ändern sich.


(Günther Domenigs Mensa der Schuleschwestern)

Aber zurück zum Thema: Man sieht, die weiche Formensprache der Biokybernetik, die die idealen Spannungsfelder runder Formen bevorzugt, hat sich durchgesetzt, obwohl sie vor ein zwei Dekaden noch die Außenseiterrolle hatte.

Biomorphes Bauen ist also der legitime Erbe der einstigen Avantgarde, die (wie es so üblich ist) den Mainstream von heute stellt. Die logische Konsequenz ist, daß die heutige Avantgarde den Mainstream von Morgen bilden wird. Biomorphe Architektur hat also gute Chancen, morgen bereits Alltag zu sein. Sie wird von mutigen jungen Architekten über Wettbewerbe in die Normalität begleitet werden.

Hier greift die These, daß die populäre Science Fiction von heute mit verblüffend hoher Trefferquote die Welt von morgen hervorsagt, daß die Welt sich oft sogar entlang von und inspiriert durch SF überhaupt erst orientiert und selbst erfindet. Die Ideen, die Konzepte, die groben Vorstellungslinien, von SF-Autoren tropfen sozusagen medial-kulturell in die Köpfe von Militärs und Konzernen und somit natürlich auch in die Labors, wo sie dann umgesetzt werden, um via Marketing Teil der Alltagskultur zu werden. Wer Neal Stephensons Snowcrash gelesen hat und dann das Matrix Online-Rollenspiel sieht, weiß woher der Wind weht. Genetik, Nanotechnologie, Elektronik… all diese Bereiche sind beflügelt von den utopischen Wunschträumen, die die Wissenschaftler als Kinder gelesen und erlebt haben.

Wenn also in aktueller SF beispielsweise die Rede von nanotechnologischen, lebenden Häusern ist, die sich – basierend auf einer Programmierung, der tatsächlichen Leistung der Architekten von Morgen – faktisch selbst bauen, selbst umerfinden, selbst neustrukturieren und entsprechend der urbanen Bedürfnisse komplett neu wachsen, so fügt sich dies nahtlos mit den Entwürfen vom SCI Arc zusammen, die dieser Idee einer autonom wachsenden bioskalaren organischen Architektur, ästhetisch ja bereits entgegenkommt. Sind die Häuser von morgen nicht mehr Wohnmaschinen, sondern vielmehr Wohnorganismen? Die sich selbst reparieren nach einem Schaden? Die auf ein Erdbeben intelligent reagieren? Die das Innenklima wirklich intelligent autonom steuern können? Deren denkende Sicherheitssysteme Schlüssel so überflüssig machen wie Einbrüche unmöglich? Die ökologisch auf minimal waste angelegt sind und aus den Abfällen der Bewohner Baustoffe für die Nanobots recyclen? Die Schadstoffe aus der Atemluft filtern? Die entsprechend der Nutzung wachsen oder schrumpfen? Die einen Lebenszyklus haben, um dann zu sterben? Die sich vielleicht fortpflanzen?

Das klingt fast bedrohlich. Lebende, denkende Häuser. So bedrohlich wie einst die Roboter klangen, die heute Teil des alltäglichen Lebens sind und in den Fabriken ihren Dienst tun. Die biomoprhe Bewegung wird hier zunächst die Ästhetik vorwegnehmen und ich denke, wir werden zusehen können, wie dieser Look (wie immer leicht abgemildert) in den Mainstream gelangen wird. Haiflossenstrukturen, Knochenbauformen, fließende, gewebeartige Materialflairs. Transluzente Membranen und organische Blobgebäude, die durch neue LED-Technologien wie seltsame Unterwasserwesen erleuchtet sein werden, um nach und nach wie fremdartige Fische in unsere Großstädte zu schwimmen. Man schaue sich Fahrzeugstudien an oder neue Consumer Products… es ist schon längst da. Die Revolution des Rundgelutschten, Windkanalgeprüften ist nur eine Vorstufe gewesen. Alles wird weich und menschlich, anschmiegsam und sympathisch werden, schließlich auch nicht biomorph bleiben, sondern metamorph werden, Formen finden, die jenseits der menschlichen Erfahrungshorizonte liegen, die komplett neu und virtuell sind, die Architektur aus dem Kontext bisheriger Vorstellungen lösen können.

In zehn, zwanzig Jahren, ist das also der neue Mainstream, der sich nahtlos zusammenfügt mit der elektronschen Vernetzung «intelligenter» Häuser, in denen via WiFi die elektronischen Geräte zusammengeschaltet sind, in denen der Mensch eine Art Schaltmoment seiner Lebensumgebung wird. Da ist der Sprung vom simulierten Leben einer Wohnung zum echten Leben nur noch ein Detail.

Natürlich wird dann eine ganz neue Avantgarde vielleicht kantige, eckige, kalte Strukturen fordern. Oder ein Leben in virtuellen Realitäten. Abwarten.

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